Warum CCAM noch nicht überall ist – und wie wir das ändern können
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Wie sich die Hürden für eine großflächige Einführung von vernetzter, kooperativer und automatisierter Mobilität (CCAM) überwinden lassen.
Die Technologie ist vorhanden – und dennoch ist vernetzte Mobilität noch nicht flächendeckend Realität. Warum? Lösungen, die es Fahrzeugen ermöglichen, mit Ampeln zu kommunizieren, Einsatzkräfte schneller ans Ziel bringen und den öffentlichen Verkehr effizienter gestalten, sind längst etabliert. Doch wie lässt sich das volle Potenzial dieser Technologien ausschöpfen? Itir Coskun, Innovation Manager im globalen Technology & Innovation Team von SWARCO, identifiziert fünf zentrale Herausforderungen, die uns derzeit bremsen, und zeigt Wege auf, wie konkrete Ergebnisse erzielt werden können.
Die Fragmentierungsherausforderung: Von Korridoren zu systemischer Sicherheit
Die großflächige Einführung vernetzter Mobilität steht vor mehreren Hürden – die grundlegendste ist jedoch der fragmentierte Fortschritt in europäischen Städten. „Die Länder befinden sich auf sehr unterschiedlichen Ausgangsniveaus“, erklärt Coskun. Während einige gerade erst mit CCAM beginnen, testen andere bereits seit über 20 Jahren entsprechende Dienste.
Diese Unterschiede bieten zugleich die Chance, von Vorreitern zu lernen, die den Übergang von isolierten Pilotprojekten hin zu landesweiten Ökosystemen geschafft haben. Das Projekt Eco-AT (European Corridor – Austrian Testbed) war ein wichtiger Vorläufer und zeigte, dass kooperative Systeme entlang zentraler europäischer Korridore funktionieren können. Darauf aufbauend hat Deutschland die C-Roads-Plattform genutzt, um Spezifikationen für eine landesweite Umsetzung von C-ITS weiterzuentwickeln – etwa durch den großflächigen Einsatz von Road Works Warning (RWW)-Anhängern. Auch die Niederlande zeigen, was möglich ist: Im Rahmen der Initiative „Talking Traffic“ wurden intelligente Verkehrslichtsteuerungen (iTLCs) in großem Maßstab implementiert.
Unterschiedliche „Sprachen“
Damit CCAM erfolgreich ist, müssen Infrastruktur und Fahrzeuge europaweit „dieselbe Sprache sprechen“. Derzeit sind die Systeme jedoch weitgehend voneinander isoliert. Die Branche bewegt sich zunehmend weg von proprietären Lösungen hin zu einem offenen Ökosystem, das auf harmonisierten europäischen Standards basiert.
Der Schlüssel liegt in den C-Roads-Spezifikationen, die eine konsistente Implementierung von C-ITS-Diensten gewährleisten. Durch die Nutzung offener Standards wie ETSI (für V2X-Kommunikation) und DATEX II (für Verkehrsdaten) können Systeme Technologien verschiedener Anbieter integrieren und nahtlos über Ländergrenzen hinweg funktionieren. „Für den langfristigen Erfolg – insbesondere bei CCAM, das auf die Kommunikation vieler Akteure angewiesen ist – sind offene Systeme unerlässlich“, betont Coskun.
Dieser Wandel führt isolierte technologische Insellösungen in ein vernetztes Gesamtsystem zusammen – und sorgt dafür, dass Verkehrsteilnehmer überall konsistente und verlässliche Dienste erleben, ohne Lücken oder „blinde Flecken“.
SWARCO MyCity Connect: Das Herz der Interoperabilität
In der Praxis besteht häufig eine Lücke zwischen theoretischen Standards und der Realität in Städten. SWARCO MyCity Connect schließt diese Lücke als leistungsfähige Plattform für den Datenaustausch und fungiert als zentrales C-ITS-Hub. Es schafft gleiche Voraussetzungen für verschiedene Anbieter und innovative Services.
„MyCity Connect steht für einen Ansatz, der auf vereinfachte Integration abzielt“, erklärt Coskun. Basierend auf offenen Standards ermöglicht die Lösung Städten, Daten schnell und sicher von unterschiedlichen Anbietern zu integrieren. Neue Akteure können problemlos eingebunden werden, ohne bestehende Systeme zu stören. Für Verkehrsteilnehmer bedeutet dies eine konsistente Servicequalität und zuverlässige Sicherheitsinformationen – sowohl im urbanen Raum als auch grenzüberschreitend.
Vertrauen und Sicherheit in der Kommunikation
CCAM basiert auf einem kontinuierlichen Austausch sicherheitskritischer Daten. Daher ist es essenziell, die Integrität und Authentizität dieser Informationen zu gewährleisten und gleichzeitig die Privatsphäre der Verkehrsteilnehmer zu schützen.
Ein vertrauenswürdiger Rahmen wie die C-ITS PKI (Public Key Infrastructure) fungiert dabei als digitaler „Reisepass“ für jedes Gerät, überprüft Nachrichten und ermöglicht eine sichere Zusammenarbeit. Ohne diese Vertrauens- und Sicherheitsmechanismen zögern Städte, Fahrzeughersteller und Dienstleister, Daten zu teilen – was die Einführung verlangsamt und die Systemzuverlässigkeit beeinträchtigt.
Gesetzliche Rahmenbedingungen
„Ein weiterer Aspekt ist die Regulierung“, so Coskun. „Wir sprechen von einer Technologie, deren Platz in den bestehenden Regelwerken noch nicht klar definiert ist – sowohl hinsichtlich technischer Anforderungen als auch in Bezug auf die Verteilung von Verantwortlichkeiten zwischen den Akteuren.“
Dies führt zu uneinheitlichen Umsetzungsstrategien und unterschiedlichen Geschwindigkeiten bei der Einführung von CCAM. Zwar gibt es erfolgreiche Pilotprojekte, diese bleiben jedoch oft isoliert. Unterschiedliche OEM-Strategien (Strategien von Fahrzeugherstellern), verschiedene RSU-Konfigurationen (Roadside Units, also straßenseitige Kommunikationseinheiten) und unterschiedliche Nachrichtenprofile führen dazu, dass selbst innerhalb eines Landes die Implementierungen stark variieren. Das verlangsamt den Markt und erhöht den Integrationsaufwand erheblich.
Städte stellen daher berechtigterweise die Frage: „Ist das skalierbar – oder nur ein weiteres lokales Pilotprojekt?“ Das Erreichen frühzeitiger Vorteile setzen eine kritische Masse voraus – und diese ist bislang noch nicht erreicht.
Zudem führt der geringe Anteil vernetzter Nutzer zu einer klassischen „Henne-Ei-Situation“: Behörden warten auf eine ausreichende Marktdurchdringung, während OEMs auf entsprechende Infrastruktur warten. „Sobald wir diese Schwelle erreichen, werden viele Vorbehalte verschwinden“, prognostiziert Coskun.
Komplexität → mangelndes Verständnis
Ein weiteres Problem ist die hohe Komplexität von CCAM. „Nur eine kleine Gruppe von Experten hat den vollständigen Überblick über Architekturen, Standards und Verantwortlichkeiten“, erklärt Coskun. Dies führt zu Zurückhaltung: Entscheidungen werden verzögert, wenn das System nicht vollständig verstanden wird.
Konkrete Maßnahmen für Städte
Städte müssen nicht auf perfekte Rahmenbedingungen warten. Coskun nennt drei Schritte, die Kommunen bereits heute umsetzen können:
- Aufbau einer offenen Datenplattform
Implementierung eines offenen C-ITS-Hubs, der es Infrastrukturbetreibern, Fahrzeugherstellern und weiteren Akteuren ermöglicht, CCAM-Dienste unmittelbar zu testen. Ein offenes Umfeld fördert Innovation.
- Strategische Pilotprojekte & modulare Umsetzung
Auswahl eines geeigneten Korridors mit hohem Nutzen oder repräsentativen Eigenschaften. Start mit einer Kernfunktion und schrittweiser Ausbau durch zusätzliche CCAM-Anwendungen. Wichtig: bestehende Standards nutzen und individuelle Sonderlösungen möglichst vermeiden.
- Erkenntnisse systematisch nutzen
Ergebnisse dokumentieren und in Beschaffungsprozesse integrieren, um nachhaltige Lernzyklen zu schaffen, bei denen jedes Projekt auf vorherigen Erfolgen aufbaut.
Vertrauen und Zusammenarbeit aufbauen
Erfolgreiche CCAM-Ökosysteme erfordern Zusammenarbeit – auch zwischen traditionell konkurrierenden Akteuren. Fahrzeughersteller, Technologieanbieter, Städte und Dienstleister müssen Daten teilen und gemeinsam agieren. Grundlage dafür ist Vertrauen.
„Die Beteiligten müssen darauf vertrauen können, Daten und Verantwortung zu teilen, ohne Wettbewerbsnachteile zu befürchten“, betont Coskun.
Dieses Vertrauen entsteht durch klare Governance-Strukturen und transparente Diskussionen über den gemeinsamen Nutzen. „Alle Beteiligten müssen den Mehrwert erkennen. Ohne konkrete Vorteile fehlt die Motivation zur Teilnahme – und das System kann nicht funktionieren.“
Akzeptanz durch Benutzerfreundlichkeit steigern
Neben der Zusammenarbeit ist die Benutzerfreundlichkeit entscheidend für den Erfolg von CCAM. Selbst die fortschrittlichsten Systeme werden sich nicht durchsetzen, wenn sie zu komplex in Implementierung, Integration oder Betrieb sind.
„Die Erreichung einer kritischen Masse hängt nicht nur von Kooperation, sondern auch von praktischer Umsetzbarkeit ab“, so Coskun. Lösungen müssen so gestaltet sein, dass Städte und Betreiber sie mit minimalem Aufwand einsetzen können – technisch wie organisatorisch. Andernfalls wird die Einführung verlangsamt und das volle Potenzial bleibt ungenutzt.
Der Weg in die Zukunft
„Die Grundlage für den Aufbau dieser kooperativen Ökosysteme ist vorhanden“, fasst Coskun zusammen. „Wenn wir die richtige Technologie mit klaren nationalen und europäischen Zielsetzungen kombinieren, können wir den derzeit noch holprigen Weg von CCAM in eine nahtlose Realität verwandeln.“ Diese gemeinsame Vision schafft Orientierung und Verbindlichkeit – für schrittweises Lernen, strategische Umsetzung und den Aufbau von Vertrauen. So entsteht nachhaltiger Mehrwert und der Weg zu einem wirklich interoperablen europäischen Netzwerk wird geebnet.
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